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Inzucht bei Zierfischen

Spektrum

 

Meine eigenen Erfahrungen mit Inzucht während gut 30 Jahren Zierfischzucht kann man - hier -  nachlesen

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Ein Artikel über Inzucht bei Zierfischen von Dr. Dieter Gentzsch


Dieser Artikel erschien in “Das Aquarium”, Heft 309, Jahrgang 1995, Seite 13-16.
Es ist das Beste über Inzucht bei Fischen das ich je gelesen habe!
Herr Dr. Gentzsch hat mir erlaubt den Artikel in die Afizucht zu übernehmen.


 

Hamburger Schwertträger

Achtzehn Generationen erfolgreiche Inzucht

Text und Fotos: Dr. Dieter Gentzsch


Hamburger_Schwerttraeger_MaennchenBereits seit Jahrzehnten wird über Inzuchtschäden bei Fischen berichtet und heftig diskutiert. Immer wieder ist in vielen Fällen mit großer Entschiedenheit festgestellt worden, daß Zuchtstämme ohne Zuführung anderer Linien zusammenbrechen oder zumindest stark geschädigt werden. Es gibt aber auch mehrere Beobachtungen bei verschiedenen Fischarten, die eine langjährige Inzucht tolerieren. Es ist sicherlich so, daß beide Feststellungen bei einzelnen Stämmen stimmen können, wenn man davon absieht, daß schlechte Pflegebedingungen öfter auf Inzuchtschäden geschoben werden. In diesem Zusammenhang soll ohne nähere Erklärung darauf hingewiesen werden, daß alle Haustierrassen durch Inzucht entstanden sind.
Es ist eine lohnenswerte Aufgabe für Aquarianer, langjährige und Hamburger_Schwerttraeger_Weibchengewissenhafte Beobachtungen bei möglichst vielen Stämmen und Arten zu dieser Problematik durchzuführen. Daß gerade beim Hamburger Schwertträger langjährig ein Inzuchtstamm erhalten wird, ist besonders interessant und aussagekräftig, weil bei der schwarzen Zuchtform von Xiphophorus helleri in fast allen Büchern und Artikeln immer wieder darauf hingewiesen wird, daß diese ohne Krebsschaden nur zu erhalten ist, wenn ein Elternteil keine schwarze Färbung aufweist. Über die Paarung schwarzer Eltern bis zur zehnten Tochtergeneration (F10) im Jahre 1984 wurde von mir bereits berichtet (GENTZSCH 1979 und 1984). Es erscheint mir nun zweckmäßig, einen Gesamtüberblick bis zur F18 zu geben, weil es inzwischen weitere Erkenntnisse gegeben hat. Mittlerweile wurden auch die ersten Tiere der F19 geboren.


Methode und Ergebnisse

Seit 1972 halte ich  einen Stamm Hamburger Schwertträger. Die fünf erworbenen Tiere waren klarflossig, so daß sie vermutlich über grüne Weibchen gezogen wurden. Bis 1975 wurden meine Hamburger Schwertträger ausschließlich über rote Weibchen vermehrt. Rote Männchen sind immer frühzeitig ausgesondert worden. Im September 1975 warfen drei schwarze Weibchen gesunde Nachkommen, so daß ich - trotz vieler Warnungen in der Literatur - angeregt wurde, die Schwertträger durch Paarung von schwarz  x schwarz zu vermehren. Dabei sind die einzelnen Generationen streng getrennt gewesen, wobei aus Platzgründen jeweils nur einige Weibchen abgesetzt wurden. Alle Weibchen, die nachweislich Nachkommen gebracht hatten, wurden anschließend getrennt gehalten. Dabei wurde als Nebenergebnis bestätigt, daß sich von den Weibchen, die geworfen hatten, keines zu einem Spätmännchen entwickelte. Von den in den 18 Generationen jeweils über einen längeren Zeitraum gehaltenen 56 Weibchen gab es bei keinem Tier auch nur die Andeutung für die Entwicklung zu einem Spätmännchen. Somit werden vor allem die Untersuchungen von PETERS (1969) zu dieser Problematik bestätigt. Die Auszählung der Jungtiere der einzelnen Weibchen erfolgte zwei bis vier Wochen nach dem Werfen, wobei die roten und grüne Tiere entfernt wurden. Bei den bisher gezogenen 18 Generationen wurde folgendes festgestellt: Die geringe Anzahl verwendeter Weibchen weist bereits auf die starke Inzucht hin, was noch dadurch verschärft worden ist, daß nur jeweils ein bis drei Frühmännchen die jeweilige Population befruchtet haben, da immer wesentlich mehr Spätmännchen auftraten.


Diskussionen und Schlußfolgerungen

Bei den folgenden Merkmalen gab es zwischen den 18 Generationen keine Unterschiede bzw. keine mehr oder weniger großen Abweichungen:

1.) Der Anteil der schwarzen Tiere von der Gesamtwurfzahl schwankte nur zwischen 64,2 und 80,4 % und hat sich damit trotz Paarung ausschließlich schwarzer Eltern nicht verändert. Nach den Mendelschen Vererbungsregeln ist dies nur teilweise verständlich. Der Anteil von etwas über 25 % roten bzw. grünen und fast 75 % schwarzen Tieren bei Paarungen von schwarz x schwarz läßt sich am besten bei heterozygoten Eltern (Ss x Ss) erklären.
Es entstehen dabei rechnerisch:
- 25 % homozygote schwarze Tiere (SS),
- 50 % heterozygote schwarze Tiere (Ss),
- 25 % homozygote rote bzw. grüne Tiere (ss).

Offen ist dabei die Frage, warum bisher noch kein homozygotes Männchen oder Weibchen zur Vermehrung gekommen ist, da bei jedem Wurf noch rote bzw. grüne Tiere vorhanden waren. Die Durchschnittszahl von 71,5 % schwarzen Tieren zeigt, daß bis zur Auszahlung nur ein kleiner Anteil homozygoter schwarzer Tiere abgestorben sein konnte. Die in der Tabelle angeführten Fische der F7, F8, F10, F11, F12, F13, F14  und F16, die besonders im Jugendstadium eine schwarze Brust aufwiesen und sehr hübsch aussahen, waren aber keinesfalls homozygot, weil sie in mehreren kontrollierten Fällen immer auch rote Jungtiere mitwarfen.

2.) Bemerkenswert ist bei dem vorliegenden Stamm, daß bei den nicht schwarzen Fischen von der F1 bis zur F16 rote und lediglich nur fünf grüne Tiere auftraten und sprunghaft in der F17 und  F18 vorwiegend grüne Fische festzustellen waren. Erwähnenswert ist dabei noch, daß die meisten schwarzen Tiere in den 18 Generationen klarflossig waren und nur teilweise eine rötliche Flosseneinfärbung aufwiesen. Einige getrennt gehaltene Rote und Grüne Schwertträger, die aus Paarungen schwarzer Eltern stammten, wiesen ausschließlich rote bzw. grüne Nachzuchten auf, d. h. sie waren reinerbig rot bzw. grün.

3.) Der Anteil von etwa 10 bis 20 % Früh- und 80 bis 90 % Spätmännchen hat sich bei den schwarzen Tieren der einzelnen Generationen offensichtlich kaum verändert, obwohl nur Frühmännchen zur Fortpflanzung kamen. Bei andersfarbigen Stämmen hätten sich sicherlich wie allgemein bekannt ist, bei dieser Vermehrungsmethode zunehmend Frühmännchen entwickelt. Der Anteil der Weibchen und Männchen betrug immer etwa 50 : 50.

4.) Die durchschnittlichen Wurfgrößen schwankten zwar zwischen den einzelnen Generationen, was aber weitgehend auf die jeweiligen Pflegebedingungen und die geringe Weibchenzahl (Zufallsverteilung!) zurückzuführen sein dürfte. Noch wichtiger ist dabei die Feststellung, daß die Wurfgrößen trotz starker Inzucht offensichtlich nicht abgenommen haben. Weibchen vom Grünen und Roten Schwertträger bringen bekanntlich meist mehr Junge pro Wurf. In Übereinstimmung damit weisen schwarze Tiere vor dem Werfen im allgemeinen eine wesentlich geringere Körperfülle auf.

5.) Die Schwerter der schwarzen Männchen waren in allen Generationen vorwiegend teilweise gelb und schwarz. Nur etwa 10 % der Tiere wiesen ein völlig schwarzes Schwert auf, das nach dem EuroStandard für Xiphophorus-Zuchtformen gut bewertet wird (ANONYM, 1991). Leider neigen diese Tiere mit fortschreitendem Alter zur Krebsbildung. Gelbe Schwerter mit schwarzer Umrandung traten nicht auf, wahrend vereinzelt völlig gelbe Schwerter zu beobachten waren.


Tabelle_1Tabelle_2





















STALLKNECHT (1992) hat wiederholt bewußt ,,schlechte" Makropoden, verschiedene Salmler, Barben und Zuchtformen Lebendgebärender Zahnkarpfen aus dem Handel gekauft, von denen man annehmen kann, daß es sich vorwiegend um ingezüchtete Geschwistertiere handelte. Dabei konnte er nachweisen, daß durch gute Aufzuchtbedingungen und Selektion wesentlich bessere Nachzuchttiere zu erzielen waren. Es gibt bereits mehrere Arbeiten, die belegen, daß Aquarienstämme auch bei langjähriger Inzucht eine gute Qualität aufweisen können. So konnte LEDERER (1949) Poecilia (Limia) nigrofasciata bei engster Inzucht 31 Jahre lang in gutem Gesundheitszustand erhalten. LÖHMER (1992) hat bei einem Stamm ,,Cichlasoma" nigrofasciatum auch nach 15 Jahren keine Degenerationserscheinungen infolge Inzucht feststellen können. Meine hier vorliegende Arbeit zeigt eindeutig, daß sogar ein stark durch Farbkrebs gefährdeter Stamm, wie es seit Jahrzehnten beim Hamburger Schwertträger bekannt ist, durch Selektion und geeignete Pflegebedingungen langjährig auch bei engster Inzucht erhalten werden kann.
Zwei grundsätzliche Möglichkeiten gibt es bei der Vermehrung von Fischen in enger Inzucht:

- Durch gute Pflegebedingungen und Selektion treten keine Probleme bei der Erhaltung des Stammes auf. Einige Beispiele wurden in dieser Arbeit angeführt.

- Bei der Erhaltung des Stammes treten zunehmend  Schwierigkeiten durch ungenügende Vermehrung oder Krankheiten auf.

Der Aquarianer sollte bei der zweiten Möglichkeit aber nicht sofort schlußfolgern, daß es sich um Inzuchtschäden handeln muß. Vielmehr sollte er zuerst selbstkritisch prüfen, ob die Pflegebedingungen wirklich optimal waren. Am ehesten läßt sich dies widerlegen oder bestätigen durch andere Stämme der gleichen Art, wenn diese unter ähnlichen Bedingungen gepflegt werden. Inzuchtschäden sind vor allem auch dadurch weitgehend vermeidbar, daß nur gesunde Tiere zur Vermehrung kommen. Alle Haustierrassen sind mit dieser Methode gezüchtet worden. Aber sogar, wenn die Einkreuzung eines anderen Stammes (,,Blutauffrischung") zu besseren Nachzuchten führt, muß nicht unbedingt ein Inzuchtschaden vorgelegen haben. Vielmehr kann es sich um einen Heterosiseffekt handeln, worunter man ein üppigeres Wachsen von Bastarden im Vergleich zu ihren Eltern versteht. Man sollte also bei Problemen in der Erhaltung eines Stammes nicht zuerst an Inzuchtschaden denken, sondern zunächst die möglichen anderen Ursachen in Betracht ziehen.
Alles in allem sind Untersuchungen und Beobachtungen zur Inzucht eine lohnende Aufgabe für interessierte und gewissenhafte Aquarianer, weil bei einigen Stämmen und Arten durchaus davon abweichende  Ergebnisse vorstellbar sind.



Literatur
Anonym (1991): Euro-Standard 1989 für Xiphophorus-Zuchtformen. DGLZ Rundschau 3: 52-59
Gentzsch, D. (1979): Beobachtungen bei einem Stamm Hamburger Schwertträger.
Inf. ZAG Lebendg. Zahnkarpfen 2/3: 5-8
Gentzsch,   D.   (1985): Zucht von Schwertträgern durch Paarung von schwarzen Eltern. AT: 272-273
Lederer, G. (1949): 31 Jahre engste Inzucht mit Limia nigrofasciata. DATZ: 201
Löhmer, H.(1992): Inzucht bei Cichlasoma nigrofas-ciatum. DATZ: 541
Pfeters, G. (1969): Zur Geschlechtsumwandlung der Schwertträger Xiphophorus hellen. AT: 364-367
Stallknecht, H. (1992): Inzucht? DATZ: 210-211


Ende des Artikels

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Man muß bitte bei Inzucht unterscheiden zwischen wahllos gekreuzten Fischen, also „unkontrollierter” Inzucht und mit System gekreuzten Fischen, also „kontrollierter” Inzucht. Die Ergebnisse ändern sich ganz gewaltig. Somit soll dieser Artikel natürlich kein Freibrief für unkontrollierte Inzucht sein.
 

Mai 2007
 

 

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